Platform Coops

Gemeinschaft 2.0

Warum Genossenschaften ihre digitale Infrastruktur selbst besitzen sollten

Was wäre, wenn eine Genossenschaft nicht nur gemeinsam ein Haus oder ein Quartier besitzt, sondern auch die digitale Infrastruktur, die darin zum Einsatz kommt?

Diese Frage stand im Zentrum des Panels „Gemeinschaft 2.0“, an dem Ela Kagel, Mitgründerin und Vorstandsmitglied der Platform Coops eG beim 1893 Summit der Wohnbaugesellschaft 1893 aus Eberswalde teilgenommen hat. Dabei ging es um eine Perspektive, die für Wohnungsgenossenschaften zunehmend relevant wird: Digitalisierung nicht nur als Frage neuer Tools und Apps zu verstehen, sondern als Frage von Eigentum, Infrastruktur und gemeinschaftlicher Selbstbestimmung.

Denn eine digitale Genossenschaft ist mehr als eine Genossenschaft, die digitale Anwendungen nutzt. Sie kann selbst Eigentümerin ihrer digitalen Infrastruktur werden.

Digitale Souveränität wird zur Daseinsvorsorge

Kommunikation, Verwaltung, Abrechnung, Energie, Wissen und zunehmend auch künstliche Intelligenz laufen heute über digitale Systeme. Damit werden diese Systeme mehr als bloße Werkzeuge. Sie werden zu einem Teil unserer Infrastruktur – und damit unserer gesellschaftlichen Daseinsvorsorge.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, welche Software wir nutzen. Es geht auch darum, wer die Infrastruktur besitzt und kontrolliert, auf der diese Software läuft.

Bei Gebäuden, Grundstücken oder Energieversorgung ist die Eigentumsfrage für Genossenschaften selbstverständlich. Bei digitalen Infrastrukturen wird sie dagegen häufig ausgeblendet. Dabei können Abhängigkeiten von großen Plattformunternehmen, proprietären Systemen und zentralisierten Cloud-Diensten langfristig genauso relevant werden wie andere infrastrukturelle Abhängigkeiten.

Digitale Souveränität bedeutet in diesem Zusammenhang, die Möglichkeit zu haben, zentrale digitale Ressourcen selbst zu betreiben, mitzugestalten und gemeinschaftlich zu kontrollieren.

Wohnungsgenossenschaften bringen etwas Entscheidendes bereits mit: Gemeinschaft

Gerade Wohnungsgenossenschaften haben dabei einen besonderen Ausgangspunkt. Sie verfügen bereits über das, was viele digitale Plattformmodelle erst mühsam herstellen müssen: eine bestehende Gemeinschaft auf Basis einer Mitgliederstruktur, mit gemeinsamen Interessen, Regeln und Modellen zur Mitbestimmung.

Menschen wohnen zusammen, teilen Räume, Energie und Infrastruktur und übernehmen Verantwortung füreinander. Die soziale und organisatorische Grundlage ist also bereits vorhanden. Die digitale Infrastruktur muss die Gemeinschaft nicht erst erzeugen – sie kann auf ihr aufbauen.

Das eröffnet eine interessante Perspektive auf digitale Commons. Nicht die Plattform steht im Mittelpunkt, die möglichst viele Menschen miteinander verbinden möchte. Im Mittelpunkt steht eine konkrete Gemeinschaft, die ihre digitale Infrastruktur als gemeinsames Gut organisiert und selbst darüber entscheidet, wie sie eingesetzt und weiterentwickelt wird.

Das digitale Betriebssystem der Genossenschaft

Man kann sich deshalb eine Art digitales Betriebssystem der Genossenschaft vorstellen. Dazu gehören ganz unterschiedliche Ebenen: gemeinsames Hosting und Serverinfrastruktur ebenso wie Kommunikations- und Kollaborationssysteme, gemeinschaftliche Datenhaltung und Verwaltungs- und Abrechnungssysteme. Auch Energie- und Lastmanagement oder der gemeinsame Zugang zu Software könnten Teil einer solchen Infrastruktur sein. Perspektivisch kommt eine weitere Ebene hinzu: lokale KI-Infrastruktur, die nicht vollständig von externen Anbietern abhängig ist.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass diese Infrastruktur nicht einfach als Dienstleistung eines externen Plattformanbieters konsumiert werden muss. Sie kann gemeinsam betrieben, finanziert und kontrolliert werden.

Das schafft Autonomie und kann zugleich Datensicherheit und langfristige Unabhängigkeit stärken. Auch ökonomisch kann es interessant sein, wenn nicht jede Person und jede Organisation dieselben digitalen Dienste einzeln einkaufen muss, sondern bestimmte Ressourcen gemeinschaftlich bereitgestellt und genutzt werden.

Die Genossenschaft wird damit nicht nur zur Eigentümerin von Wohnraum, sondern zunehmend auch zur Eigentümerin der digitalen Systeme, die diesen Wohnraum organisieren.

Wenn physische und digitale Infrastruktur zusammenwachsen

Besonders spannend wird diese Perspektive dort, wo physische und digitale Infrastruktur unmittelbar ineinandergreifen. Wohnprojekte sind dafür ein gutes Beispiel.

Eine Genossenschaft kann gemeinsam Photovoltaik betreiben, Energie speichern, Ladeinfrastruktur bereitstellen und Verbrauch koordinieren. Dafür braucht es wiederum digitale Systeme, die Produktion, Speicherung und Verbrauch erfassen und steuern. Die digitale Infrastruktur ist dann kein abstraktes Zusatzangebot mehr. Sie wird zu einem Bestandteil der gemeinschaftlichen Energieinfrastruktur.

Man könnte also sagen: Der Serverraum der Genossenschaft kann genauso Teil der gemeinschaftlichen Infrastruktur sein wie der Fahrradkeller, die Werkstatt oder die Photovoltaikanlage.

Damit verändert sich auch unser Verständnis von Eigentum. Gemeinschaftliches Eigentum muss im digitalen Zeitalter nicht bei Immobilien, Maschinen oder Energieanlagen enden. Gemeinsames Eigentum kann sich auch auf Daten, Software, Rechenkapazität und digitale Netzwerke erstrecken.

Die Technologie ist da. Die eigentliche Herausforderung ist Governance.

Viele Bausteine für eine solche Genossenschaft 2.0 existieren bereits. Open-Source-Software ermöglicht gemeinschaftlich kontrollierte Anwendungen. Dezentrale und föderierte Systeme können Abhängigkeiten von einzelnen Plattformen reduzieren. Lokale Server und Recheninfrastruktur sind längst keine Zukunftsmusik. Auch Technologien für gemeinschaftliches Energiemanagement oder digitale Verwaltung stehen zur Verfügung.

Die größere Herausforderung liegt deshalb weniger in der Technologie als in der Governance. Entscheidend ist, wie eine Gemeinschaft ihre digitale Infrastruktur gemeinsam organisiert: Wie werden Entscheidungen getroffen, wer erhält Zugang zu welchen Daten, und wer darf Systeme verändern? Ebenso müssen Verantwortung, Wartung und Finanzierung geklärt sein – und es braucht Verfahren für den Umgang mit Konflikten und unterschiedlichen Interessen.

Gerade diese Fragen machen deutlich, dass eine Genossenschaft 2.0 nicht einfach eine technische Erweiterung des Bestehenden ist. Sie stellt die Frage, wie gemeinschaftliches Eigentum und demokratische Selbstorganisation unter digitalen Bedingungen funktionieren können.

Von der Nutzerin zur Mitbesitzerin

Die Idee der Gemeinschaft 2.0 führt damit zu einer grundsätzlichen Verschiebung: Technologie wird nicht einfach konsumiert, sondern im gemeinschaftlichen Besitz gestaltet.

Das ist auch der Kern dessen, was Platform Cooperativism ausmacht. Digitale Plattformen und Infrastrukturen müssen nicht zwangsläufig Unternehmen gehören, deren Geschäftsmodell auf der zentralen Kontrolle von Daten, Märkten und Nutzer beruht. Sie können auch anders organisiert werden: demokratisch, gemeinschaftlich und mit einem anderen Verständnis von Eigentum.

Für Wohnungsgenossenschaften eröffnet sich hier ein besonders interessantes Experimentierfeld. Sie verfügen bereits über reale Orte und reale Gemeinschaften. Die nächste Frage könnte deshalb lauten: Wie sieht eine Genossenschaft aus, die nicht nur gemeinsam wohnt, sondern auch gemeinsam digital wirtschaftet?

Aus unserer Sicht ist die Genossenschaft 2.0 genau das: eine Gemeinschaft, die ihre digitale Infrastruktur nicht nur nutzt, sondern gemeinsam besitzt und gestaltet.

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